Das Wochenende in Tallinn hab ich noch schön ausklingen lassen. Samstags gings in alle möglichen Museen, wie zum Beispiel in das Museum der Okkupation. Estland war im 20. Jahrhundert 3 Mal von einer Fremdherrschaft dominiert. Kurz vor dem 2. Weltkrieg von den Sowjets, dann 1941 bis 1944 von den Nazis und dann wieder von den Sowjets von 1944 bis 1991. Erst 1992 bekam Estland seine lang umstrittene Unabhängigheit wieder.
Dann gings noch in das Museum der Photographie, das viele interessante Ausstellungsstücke hatte u.a. auch die erste Mini-Spionagekamera :) Dann war ich noch in der St. Nikolaus Kirche, die jetzt ein Ausstellungsraum ist, in der v.a. Werke des Mittelalters ausgestellt werden. Hier war gerade eine Ausstellung des deutschen Künstlers Berndt Notke, der mit seinem auf Holz gemalten Bild "Danse Macabre", einer schaurigen Erinnerung daran, dass wir alle dem Tod nicht entgehen können, egal ob König, Bischof oder Bauer, berühmt geworden ist.
Sonntags gings dann in die Ausstellung "Körperwelten", an die sich vielleicht noch einige von euch erinnern können, denn das ist eine weltweite Wanderausstellung und sie war vor ein paar Jahren auch in Österreich zu Gast. In der sieht man den Menschen so, wie man ihn sonst nie zu Gesicht bekommen würde - von innen, wie er wirklich aussieht, dargestellt an echten Menschen, die ihren Körper nach dem Tod der Wissenschaft zur Verfügung gestellt haben, zumindest hoffe ich das, denn es gibt auch die Gerüchte, dass die Körper zu ehemaligen chinesischen Gefangenen eines Konzentrationslagers gehörten und bei dem Projekt nicht freiwillig mitmachten, aber inwiefern das stimmt oder nur Gerede von Gegnern der Ausstellung ist, kann ich nicht sagen. Ob mir die Ausstellung gefallen hat oder nicht, kann ich gar nicht eindeutig beantworten, denn zeitweise war mir schon richtig schlecht, v.a. dann wenn die Ausstellungsstücke in Scheiben geschnitten wurden. Zweifelsohne ein interessanter Anblick, aber ich kann einfach nicht umhin daran zu denken, dass der Mensch, der da in Scheiben jetzt vor mir liegt, mal gelebt, geatmet und gefühlt hat. Die ethischen Bedenken bei diese Ausstellung verstehe ich gut.
In der Ausstellung war ich mit einer tallinner Freundin und um uns von diesen teilweise schönen, aber auch teilweise abscheulichen Anblicken abzulenken, fuhren wir mit ihrem Auto ans Meer und besuchten die Ruinen eines ehemaligen, mittelalterlichen Klosters und genosssen einen wunderschönen Sonnenuntergang hinter der Skyline von Tallinn.
Was mir am Besten an Tallinn gefallen hat, waren seine unglaublich vielen Cafe's, die richtig dazu einladen reinzugehen und stundenlang nicht mehr rauszukommen. Und das Wetter gab mir auch einige gute Ausreden mal wieder eines der kreativen und gemütlichen Cafe's auszuprobieren. Das ist einer der Vorteile, wenn man im Winter reist, man hat kein schlechtes Gewissen, wenn man gleich ein paar Mal pro Tag eine Kaffee- und Kuchenpause einlegt! ;) Und noch dazu ist ja Januar nicht gerade Hochsaison in einer nordischen Stadt, d.h. genug Platz im Hostel (ich hab dann doch noch 2 Mitbewohnerinnen bekommen, eine aus der Slowakei und eine aus Tschechien), keine Schlangen an den Museen und keine Horden von Touristen, die alle Photos ruinieren, weil sie überall reinlaufen! ;)
Freu mich schon auf Riga, das mit seiner beeindruckenden Altstadt als eine der schönsten Jugendstilstädte der Welt gilt!
Photos von Tallinn gibts wie gewohnt bereits online auf
picasaweb.google.at/Horizonicc
Liebe Grüße von irgendwo auf der Strecke Tallinn - Riga (mein Bus hat gratis Internetverbindung, schon cool), :)
Manu
